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Wer gewinnt den globalen Wettbewerb um Ressourceneffizienz: Europa, China oder die USA?

Aktualisiert: 27. Juli

Der Wettbewerb der kommenden Jahrzehnte wird nicht darüber entschieden, wer die niedrigsten Umweltauflagen hat. Er wird darüber entschieden, wer Ressourcen am effizientesten nutzt, ohne die daraus entstehenden Schäden an Umwelt und Gesellschaft unbeziffert zu lassen. Der eigentliche Rat, der sich daraus ableiten lässt, ist unspektakulär und genau deshalb oft vernachlässigt: genau hinzusehen, was gerade tatsächlich passiert, in der eigenen Branche, bei den Wettbewerbern, in den großen Wirtschaftsräumen, um sich mittelfristig neu aufzustellen, statt auf die jeweils letzte Meldung zu reagieren.


Drei Steuerungssysteme im Vergleich


Europa: Regulierung des Wie

Europa reguliert das Wie. Sehr detailliert wird festgelegt, wie eine Emission berechnet, wie ein Schwellenwert bestimmt, wie eine Sorgfaltspflicht dokumentiert werden muss. Das hat einen strukturellen Nebeneffekt: Je feiner die Details, desto häufiger passen sie nicht ganz zur Realität, und desto häufiger müssen sie nachjustiert werden. Der CO2-Grenzausgleich CBAM etwa wurde 2025 grundlegend vereinfacht, mit neuem Schwellenwert und verschobenen Fristen, und dieser Schwellenwert wird von der Kommission seither jährlich überprüft und bei Bedarf angepasst, Nachjustierung ist hier von Anfang an eingebaut, nicht die Ausnahme. Die überarbeiteten ESRS und der neue Voluntary Standard, erst im Juli 2026 verabschiedet, durchlaufen noch eine mehrmonatige parlamentarische Prüfung, bevor sie überhaupt in Kraft treten. Zwei von mehreren Beispielen für dasselbe Muster, nicht die Ausnahme davon.


China: Zielsystem und Unternehmensstandard zugleich


China antwortet auf zwei Ebenen gleichzeitig, und das ist wichtig, um das System richtig einzuordnen. Auf der einen Ebene steht der Fünfjahresplan zur Kreislaufwirtschaft, ein staatliches Zielsystem: 16 Prozent mehr Ressourcenproduktivität bis 2030, umgesetzt über ein Zielverantwortungssystem, das Behörden, Provinzen und Staatsunternehmen bindet und in deren Finanzierung und Beurteilung einfließt. Auf der anderen Ebene baut China parallel ein eigenes Unternehmensregelwerk auf, die Chinese Sustainability Disclosure Standards, die seit November 2024 schrittweise eingeführt werden, zunächst für börsennotierte Unternehmen, perspektivisch bis 2030 auch für nicht börsennotierte und kleinere Unternehmen. Bemerkenswert dabei: Der Basisstandard lehnt sich strukturell an die ISSB-Standards an, übernimmt beim Wesentlichkeitskonzept aber bewusst die doppelte Wesentlichkeit, wie sie die EU mit den ESRS geprägt hat. China baut sein System also nicht aus einer einzigen Schule, sondern kombiniert gezielt Teile aus beiden Welten, das Staatsziel von oben und die Unternehmensberichtspflicht von unten, aufeinander abgestimmt statt getrennt entwickelt.


USA: Bundesbremse und Systemdynamik


Die USA zeigen ein drittes Bild, und das lässt sich nicht auf eine einzige Kurzformel bringen. Auf Bundesebene ist die Bremse gerade so weit angezogen worden, wie es exekutiv möglich ist: Fördermittel aus dem Inflation Reduction Act und dem Infrastructure Investment and Jobs Act wurden per Dekret eingefroren, mehrere Wasserstoff-Hubs betroffen, erste Konzerne wie BP und ExxonMobil haben ihre Investitionen bereits zurückgefahren. Das ist die aktuelle Realität, und sie hat spürbare kurzfristige Wirkung. Gleichzeitig bleibt der gesetzliche Unterbau bestehen: Beide Förderprogramme wurden vom Kongress beschlossen, nicht nur exekutiv verfügt, eine vollständige Aufhebung bräuchte eine Gesetzesänderung oder eine Gerichtsentscheidung, die Gerichte könnten die Auszahlung sogar erzwingen. Dazu kommt eine breite Forschungsbasis, die unabhängig von der aktuellen Bundespolitik weiterläuft, und Bundesstaaten wie Kalifornien, die mit eigenen, verpflichtenden Zielen unabhängig vom Bund vorangehen. Die Bremse ist real, aber sie ist keine Stilllegung. Sollte sich die politische Großwetterlage drehen, ist das Potenzial, sehr schnell wieder aufzuholen, beträchtlich, genau diese Dynamik fehlt dem europäischen System in beide Richtungen.


Realitätscheck: Liegt es wirklich an der Regulierung?


Ein Beispiel, an dem sich das gut zeigen lässt, ist die europäische Automobilindustrie, oft als Opfer der Regulatorik dargestellt. Eine aktuelle Analyse der Boston Consulting Group zeichnet ein anderes Bild: Europäische Autowerke laufen im Schnitt nur zu 59 Prozent ausgelastet, kostenoptimal wären 80 Prozent. Der ehemalige VW-Chef Herbert Diess ordnet das selbst ein: Zwei Jahrzehnte China-Sonderkonjunktur laufen aus, die Branche kehrt zum härteren Wettbewerb der Zeit vor 2000 zurück. Ein strukturelles und zyklisches Problem, keine unmittelbare Folge von CSRD oder ESRS.


Ein Gegenbeispiel: Wie schnell Umsetzung sein kann


Während anderswo noch über die richtige Architektur gestritten wird, zeigt ein Projekt in der Gobi-Wüste, wie weit die Umsetzung bereits ist. China Three Gorges Corporation hat im Juli 2026 eine Hybridanlage aus 900 MW Photovoltaik und 100 MW konzentrierter Solarthermie in den kommerziellen Probebetrieb genommen. Geschmolzenes Salz speichert die Wärme, die 100-MW-Solarthermie-Einheit liefert daraus noch bis zu acht Stunden nach Sonnenuntergang Strom, ganz ohne Batteriezellen. Investitionsvolumen: umgerechnet rund 450 Millionen Euro.

Das ist kein Beleg dafür, dass ein Steuerungssystem grundsätzlich besser ist als ein anderes. Es zeigt aber, was passiert, wenn ein Ziel feststeht, grundlastfähige erneuerbare Energie im Gigawattmaßstab, und der Weg dorthin offenbleibt: Ingenieure lösen ein technisches Problem, statt ein Verfahren zu erfüllen. Wäre dieselbe Anlage in einem Regelwerk entstanden, das zuerst den Speichertyp, die Bemessungsgrundlage und die Nachweisverfahren im Detail vorschreibt, läge der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit vermutlich eher auf der Konformität als auf der Kilowattstunde. Genau das ist der Unterschied zwischen Ziel- und Prozesssteuerung, der im folgenden Abschnitt im Mittelpunkt steht, hier einmal nicht abstrakt, sondern an einer konkreten Anlage.


Die eigentliche Frage: Ziel oder Prozess


Wenn weder mehr noch weniger Regulierung das Problem löst, was dann? Eine Eigenschaft scheint wichtiger zu sein als die Regelungsdichte selbst: ob ein System Ergebnisse festlegt und den Weg dorthin offenlässt, oder ob es den Weg im Detail vorschreibt und dadurch ständig nachjustieren muss. China zeigt, wie Zielorientierung auf staatlicher Ebene aussehen kann, ohne dass daraus automatisch folgt, dass sie auch auf Unternehmensebene gelingt, das ist eine Möglichkeit, kein belegter Befund. Europa müsste sich fragen, ob mehr Ergebnisorientierung, weniger Prozessvorschrift, überhaupt mit dem eigenen, rechtsstaatlich geprägten Anspruch vereinbar ist, dass Regeln für alle gleichermaßen gelten und einklagbar bleiben.


Wo wollen wir 2050 stehen?


Das ist am Ende die Frage, die hinter allen anderen steht. Wollen wir ein Standort sein, der Technologien gewinnbringend einsetzt, ohne Ungleichheit auf anderen Kontinenten zu verstärken, der Potenziale erschließt, ohne den Schutz der Natur dagegen aufzurechnen.

Für einzelne Unternehmen heißt das nicht, dass sie diese großen Fragen allein zu tragen hätten. Viele kämpfen aktuell mit handfesten Problemen, Strukturbrüchen in ganzen Branchen, unsicheren Absatzmärkten, volatilen Energiepreisen. Vor diesem Hintergrund wäre es unredlich, Nachhaltigkeitsintegration als Allheilmittel zu verkaufen, das ist sie nicht. Was sich aber ableiten lässt: Wer mittelfristig am Markt bestehen will, kommt an einer Frage nicht vorbei, welche Trends tatsächlich tragfähig sind. Ressourceneffizienz gehört seit Jahren dazu, unabhängig davon, wie unterschiedlich Europa, China und die USA sie im Detail regeln. Wer das früh erkennt, verschafft sich damit keine Erleuchtung, sondern einen Unterscheidungspunkt gegenüber Wettbewerbern, die dieselbe Frage später beantworten müssen.

Genau diese Frage, Ziel oder Prozess, Ergebnis oder Detailvorschrift, beginnt nicht auf europäischer Ebene, sie beginnt im einzelnen Unternehmen.


Ist Europas Regulierung schuld an der Krise der Automobilindustrie?

Nur bedingt. Eine Analyse der Boston Consulting Group zeigt, dass europäische Autowerke im Schnitt nur zu 59 Prozent ausgelastet sind, kostenoptimal wären 80 Prozent. Die Ursache liegt vor allem im Auslaufen einer zwei Jahrzehnte langen China-Sonderkonjunktur, nicht primär in CSRD oder ESRS.

An beidem. Der chinesische Basisstandard (Chinese Sustainability Disclosure Standards) lehnt sich strukturell an die ISSB-Standards an, übernimmt beim Wesentlichkeitskonzept aber die doppelte Wesentlichkeit, wie sie die EU mit den ESRS entwickelt hat.

Nicht zwingend. Die zugrundeliegenden Förderprogramme (Inflation Reduction Act, Infrastructure Investment and Jobs Act) wurden vom Kongress beschlossen, eine vollständige Aufhebung bräuchte eine Gesetzesänderung oder ein Gerichtsurteil. Einzelne Bundesstaaten wie Kalifornien setzen zudem unabhängig vom Bund eigene verpflichtende Ziele durch

Nicht, auf ein bestimmtes System zu warten oder ein anderes zu kopieren, sondern zu erkennen, dass Ressourceneffizienz unabhängig vom jeweiligen regulatorischen Rahmen zum Wettbewerbsfaktor wird, und die eigene Steuerung entsprechend frühzeitig aufzustellen.


Quellen:

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