EcoVadis - lästige Pflicht oder strategischer Spiegel?
- Sabine Ilger

- vor 2 Tagen
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Aktualisiert: vor 1 Tag
In vielen Unternehmen läuft es ähnlich ab: EcoVadis landet auf dem Tisch, wird an die zuständige Abteilung weitergegeben, der Fragebogen wird befüllt, das Ergebnis zur Kenntnis genommen - und dann wartet man auf das nächste Jahr. Das Rating wird von Kunden gefordert und wird als Aufwand verstanden, der halt für die Kundenbetreuung dazu gehört.
Ich kenne diese Muster gut und ich war selbst skeptisch, ob EcoVadis Nutzen für die Unternehmensorganisation hat. Diese Überlegungen hatte ich vor allem im Zusammenhang mit der verpflichtenden CSRD für Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden, also noch vor der Omnibus Initiative. Hier stand die Frage im Raum, ob wirklich noch ein zusätzliches Instrument notwendig ist.
Die Praxis hat mich eines Besseren belehrt.
Was ein Rating wirklich misst
In der Begleitung eines mittelständischen Unternehmens mit mehreren Standorten über zwei EcoVadis-Zertifizierungszyklen hat sich meine Einschätzung verändert.
Im ersten Durchgang waren die klassischen Grundlagen vorhanden: ein Nachhaltigkeitsbericht, eine CO2-Bilanz, erste dokumentierte Umweltziele und trotzdem nur das Ergebnis teilgenommen. Nicht nur weil Dokumente fehlten, sondern weil das Rating etwas anderes misst als Dokumentation.
EcoVadis bewertet,
ob ein Unternehmen die Fragestellungen steuert
ob Anforderungen nicht nur formuliert, sondern in Prozesse übersetzt werden
ob Verantwortlichkeiten klar sind
ob Richtlinien, Kennzahlen und Entscheidungen tatsächlich zusammen passen.
Erst im zweiten Zyklus, nach konsequenter Weiterentwicklung der Prozesse und einer klaren Entscheidung des Managements, diese Themen ernsthaft voranzutreiben, wurde Bronze erreicht.
Ein guter Nachhaltigkeits-Bericht dokumentiert Zielsetzungen, Strategien und Maßnahmen und Fortschritte in Form von Kennzahlen.
EcoVadis geht einen Schritt weiter und analysiert sehr detailliert operative Vorgehensweisen, die zeigen, wie Themen gesteuert werden.
Wo der blinde Fleck liegt
Was mich in der Praxis immer wieder überrascht, ist, wie viel an Dokumentation in Unternehmen bereits vorhanden ist und wie wenig davon gelebt wird.
Ein Code of Conduct wird entwickelt, an Lieferanten verschickt, Rückmeldungen werden erfasst. Aber in der Lieferantenbewertung taucht er nicht auf.
Eine Lieferantenanalyse wird erarbeitet, eine neue Segmentierung entwickelt, um dann als Dokument ohne Konsequenzen für Einkaufsentscheidungen stehen zu bleiben.
Abfallströme sind auf Behördenanforderung irgendwo geregelt, aber kaum jemand kann auf Anhieb sagen, wo, von wem und mit welchem Ergebnis.
Das ist kein Versagen, das ist der normale Reifegrad vieler Unternehmen. Viele Anforderungen, werden bearbeitet, aber deren Zusammenhang und Nutzen für die Organisation wird nicht erkannt und damit einfach nur als "Bürde" wahrgenommen.
Ein zweiter blinder Fleck liegt tiefer. Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren, oft unter dem Druck der CSRD oder auf Wunsch von Kunden begonnen, Nachhaltigkeitsberichte zu erstellen. Was dabei oft unterschätzt wird: Ein gut entwickeltes Reporting, das über mehrere Jahre gewachsen ist, hat echten strategischen Wert. Es erzeugt Vergleichbarkeit, zeigt Entwicklungen über Zeit und baut schrittweise Steuerungs-Wissen auf. Es ist kein bürokratisches Pflichtprogramm, es ist ein Lernprozess für ein Unternehmen.
Umso bedenklicher ist die Entwicklung, die ich zunehmend beobachte. Seit die Omnibus Initiative die Berichtspflichten vieler Unternehmen gelockert hat, ziehen sich mittelständische Betriebe aus dem Reporting zurück.
Verständlich aus kurzfristiger Perspektive, aber strategisch ein Fehler!
Denn was verloren geht, ist nicht nur ein Dokument. Der eigentliche blinde Fleck ist die fehlende Verbindung zur Nachhaltigkeitsstrategie. ESG-Fragestellungen bzw. Ratings entfalten den vollen Wert erst dann, wenn es nicht als paralleles Thema behandelt wird, sondern als integraler Bestandteil der mittel- und langfristigen Unternehmensplanung. Wo will das Unternehmen in fünf Jahren stehen? Welche Märkte, welche Kunden, welche Lieferketten? Und welche Anforderungen werden diese Märkte dann stellen?
Genau hier liegt eine der größten Herausforderungen im Mittelstand. Strategische Prozesse – die systematische Auseinandersetzung mit Zukunftsszenarien, die Ableitung von Prioritäten, die Verbindung von operativem Handeln und langfristiger Ausrichtung – sind in vielen mittelständischen Unternehmen nicht wirklich ausgebildet. Das ist keine Kritik, sondern eine Beobachtung. Der Mittelstand ist stark in operativer Exzellenz, in unternehmerischem Gespür und in der Fähigkeit, schnell zu reagieren. Aber die strukturierte Arbeit an Zukunftsstrategien bleibt oft auf der Strecke, weil das Tagesgeschäft dominiert, weil die Ressourcen fehlen oder weil der Druck von außen noch nicht groß genug war.
Das erschwert den Wettbewerb. Nicht morgen, aber übermorgen. Wer seine Unternehmensprozesse nicht steuern kann, kann auch keine Strategie umsetzen. Und wer keine Strategie hat, reagiert anstatt zu gestalten.
Warum Steuerungsfähigkeit der eigentliche Wettbewerbsvorteil ist
Man könnte einwenden: Wozu brauche ich ein Rating, um das zu erkennen? Die Antwort liegt im Kontext der nächsten Jahre.
ESPR, PPWR, EMPCO, etc. - neue Regulierungen stehen vor der Tür und sie stellen im Kern alle dieselbe Frage: Kann ihr Unternehmen Risiken, Daten und Prozesse wirksam steuern?
Dazu kommen Kundenanforderungen, Bankenratings und Lieferantenbewertungen. Jedes dieser Instrumente hat seine eigene Logik, aber alle setzen voraus, dass die Grundstrukturen funktionieren.
Wer darauf nur mit Dokumenten antwortet, beginnt bei jeder neuen Anforderung wieder von vorne. Wer hingegen funktionierende Strukturen aufgebaut hat, dazu zählen durchgängige Daten, klare Verantwortlichkeiten und verankerte Prozesse, kann sich anpassen, ohne jedes Mal das Fundament neu legen zu müssen. Das ist keine Frage der Nachhaltigkeit im engeren Sinne. Es ist eine Frage der Manövrierfähigkeit. Und Manövrierfähigkeit ist in einem regulatorischen Umfeld, das sich schnell verändert, ein handfester Wettbewerbsvorteil.
Was der nächste Schritt wirklich bedeutet
Der Weg von Bronze zu Silber, von Silber zu Gold, ist kein Dokumentationsprojekt. Er ist eine Grundsatzentscheidung.
Wie weit will das Unternehmen wirklich gehen, nicht aus Pflicht, sondern aus der Erkenntnis, was auf dem Spiel steht? Diese Entscheidung kann nur das Management treffen. Und sie beginnt mit einer ehrlichen Antwort auf die Frage: Wo stehen wir wirklich - nicht in unseren Berichten, sondern in unseren Prozessen?
Was ich in der Praxis gelernt habe: Diese Frage lässt sich beantworten. Aber nicht im Alleingang und nicht über Nacht. Es braucht eine Expertin, die den Reifegrad einer Organisation realistisch einschätzen kann. Hier geht es nicht um Bewertung, sondern darum dort anzusetzen, wo es am nützlichsten ist. Die erkennt, welche Prozesse fehlen, welche vorhanden und nicht verankert sind und welche Daten fehlen, um überhaupt steuern zu können. Und die dann nicht nur hilft, diese Grundlagen zu schaffen, sondern daraus mittel- und langfristige Perspektiven ableitet. Prozessreife alleine reicht nicht aus, sie muss in Richtung Strategie weisen, die das Unternehmen beweglich macht und nicht nur compliant.
EcoVadis ist dabei ein nützlicher Spiegel, auch wenn der Mehrwert nicht im Zertifikat liegt. Der Mehrwert liegt in der Erkenntnis, die ein ehrlicher Blick in diesen "Spiegel" ermöglicht und in der Entscheidung was daraus macht. Wer diese Entscheidung trifft und konsequent umsetzt, gewinnt mehr als ein besseres Rating. Er gewinnt die Fähigkeit, sein Unternehmen in einem zunehmend komplexen Umfeld wirksam zu steuern und zu gestalten. Und genau das ist einer der entscheidenden Wettbewerbsvorteile der nächsten Jahre.
Gedankenaustausch zum Thema EcoVadis - Online Session im Juli
Wenn Sie diese Fragen für Ihr Unternehmen durchdenken möchten, lade ich Sie zu einem offenen Gedankenaustausch ein. In einer kompakten Online Session von 60 Minuten teile ich meine Erfahrungen aus der Praxis und freue mich über Ihre Fragen und Expertisen.
Datum: Mittwoch, 22. Juli 2025, 14:00
Format: Online, 60 Minuten, offene Diskussion


